Teşekkür Türkei

2. Februar 2019Anja

Was waren wir skeptisch am Anfang: Wollen wir wirklich in die Türkei fahren? Hat das Auswärtige Amt nicht erst vor kurzem die Reise- und Sicherheitshinweise verschärft? – „Versuch macht klug“! Wir entscheiden uns, es einfach zu probieren. Zumindest Istanbul wollen wir gern sehen. Wenn es uns nicht gefällt, fahren wir einfach schnell weiter nach Griechenland.

Und „schwupps“ sind 3 Monate um und wir müssen die Türkei verlassen, weil die maximale Aufenthaltsdauer von 90 Tagen erreicht ist. In keinem anderen Land waren wir bisher so lange. Das alles in einem Artikel zusammenzufassen, wird eine Herausforderung. Packen wir es an!

Was uns als Erstes auffällt…

… ist natürlich die Grenze. Erstmals auf unserer Reise passieren wir eine Grenze, die wir auch als solche wahrnehmen. Insgesamt dreimal müssen wir an verschiedenen Stellen unseren Reisepass vorzeigen. Zum ersten Mal gibt es nun auch einen Stempel in den Pass, außerdem werden Berta und Daxi im Pass mit eingetragen. Am Ende ist es dann aber doch unproblematisch und wir sind in der Türkei – nach Fiete fragt übrigens keiner. Überall sehen wir türkische Flaggen in allen Größen und Formen, selbst als Wimpel sind sie über die Straßen gespannt. Es ist Nationalfeiertag.

Der Stellplatz, den wir uns ausgeguckt haben, existiert nicht mehr. Wir fahren zu einem Restaurant, das leider geschlossen hat (Nationalfeiertag eben). Aber der nette Besitzer antwortet uns, ohne dass wir gefragt haben, mit „Camping no problem“. Wir sind verblüfft von der Gastfreundschaft und nehmen die Einladung gerne an.

Gastfreundschaft

Von der türkischen Gastfreundschaft hat bestimmt jeder schon gehört. Wir haben sie nun auch erlebt – und wir haben gelernt, sie zu genießen. Denn zugegebenermaßen war es tatsächlich ein Lernprozess. Für uns distanzierte Nordlichter ist es schon sehr ungewöhnlich, wenn uns ein wildfremder Mensch Kekse und Tee vorbeibringt, ohne dass wir auch nur ein Wort mit ihm gewechselt haben. Wir haben uns beide angeguckt und genau dasselbe gedacht: „Warum macht der das?“ 🤔.

Bei der nächsten Einladung zum Çay (so heißt der türkische Tee) sind wir schon nicht mehr ganz so schüchtern und setzen uns zu dem angelnden Pärchen. Als wir später zurückgehen, bekommen wir noch soviel Mandarinen geschenkt wie wir tragen können. Irgendwie haben wir dann doch das dringende Bedürfnis etwas zurückzugeben und bringen als Dankeschön in paar Bruschetta rüber. Unsere Freude währt nur kurz, denn den Teller bekommen wir nicht leer, sondern voller Oliven zurück. Wir geben uns „geschlagen“ und lernen die zahlreichen Geschenke, wir im Laufe unserer Fahrt immer wieder erhalten (ganze Eimer voller Orangen) einfach dankend anzunehmen.

Generell kommt man sehr schnell mit den Türken ins Gespräch, da macht es auch nichts wenn man kein Türkisch spricht. Es wird trotzdem gern und viel erzählt und jeder hat Tipps, was wir uns unbedingt angucken sollen. Auch von Berta sind sie alle begeistert: Wir werden gefragt, wie viel so ein Wohnmobil kostet, es werden Selfies mit Berta gemacht und bei den Werkstattbesuchen steht sofort die ganze Belegschaft drumherum.

Verkehr

Fast so legendär wie die Gastfreundschaft ist der türkische Fahrstil. Was wir da in Istanbul erlebt haben, ist schwer zu beschreiben – man muss es erlebt haben. Eines meiner Highlights: Links-Abbieger-Spuren, die von drei Fahrzeugen nebeneinander befahren werden – um dann gemeinsam abzubiegen. Kennen wir in Deutschland ja eher nicht. Sebastian hat es geschafft uns heil dadurch zu manövrieren – ich wäre komplett überfordert gewesen.

Vom krassen Großstadtverkehr abgesehen, ist es eigentlich gar nicht so schlimm. Man muss sich eigentlich nur an eine einfache Grundregel halten: Rechne mit allem! Gegenverkehr auf der Standspur einer dreispurigen Schnellstraße, bei Rot über Ampeln fahren bis zu rechts überholenden Autos, die sich dann schnell an der Ampel vor dir wieder reinquetschen… kann alles passieren. Generell wird jede noch so kleine Lücke gern für Überholmanöver genutzt. Trotz allem ist der Fahrstil aber längst nicht so aggressiv wie wir ihn zum Beispiel in Litauen erlebt haben.

2 Sachen fallen uns auf: Es gibt sehr viele Polizeikontrollen. Auch an noch so unmöglichen Stellen, wird die Straße einspurig abgesperrt und Autos rausgezogen. Offensichtlich ist das wohl nur bei türkischen Autos interessant, denn wir werden in den drei Monaten kein einziges Mal angehalten. Neben den echten Polizeikontrollen gibt es auch sehr viele „fake“ Polizeiautos, also Autos aus Pappe mit echten Blinklichtern auf dem Dach. Das soll wohl die Autofahrer vom Rasen abhalten – über den Erfolg lässt sich vermutlich streiten

Bis heute bleibt uns die Vorliebe der Türken für weiße Autos ein Rätsel. Ganze Autohäuser, die nur weiße Autos haben… Klar, im Sommer wird es heiß und dunkle Autos heizen sich schneller auf. Aber da gäbe es ja auch andere Farben, bei denen das nicht der Fall ist.

Stellplätze

Was das freie Stehen (aka Wildcamping) angeht, ist die Türkei das Paradies. Camping ist (fast) überall erlaubt, Wasser gibt es überall. Wir finden haufenweise tolle Plätze, oft direkt am Meer. Selten sind wir ganz allein, zumindest tagsüber sind eigentlich immer entweder Türken zum Angeln da oder sie stehen einfach mit ihrem weißen Auto und gucken aufs Meer (und trinken dabei Bier oder Rakı).

Was leider auch auffällt: Der Müll 🙁. Fast überall finden wir (Bier)Flaschen und haufenweise Plastikmüll, obwohl in der Türkei wirklich überall große Müllcontainer stehen und es sehr einfach wäre, die Strände sauber zu halten. Keine Ahnung wie viel Zeit ich damit verbracht habe, Müll zu sammeln?! Fairerweise muss man dazu sagen, dass es nicht nur an den Menschen liegt, die den Müll an den Strand schmeißen. Wir haben auch gesehen wie ein Strand nach einem Sturm aussieht – das Meer spült es wieder an Land. Eines wissen wir – nicht erst seit der Türkei – wir alle haben ein Plastikproblem!

Wetter

In 3 Monaten Türkei hatten wir fast alles, was das Wetter so zu bieten hat: Wir hatten einen herrlich sonnigen November, waren sogar noch baden! Der Dezember war zwar nicht mehr so warm aber immerhin noch relativ trocken. Wir erlebten heftige Gewitter, vor allem abends am Meer (besser als jedes Fernsehprogramm). Im Januar hatten wir dann eher Pech: Viel Regen und in einer Nacht sogar Minusgrade in Antalya! Letztes Jahr hatte die Türkei wohl einen sehr warmen Winter, dieser ist nun – Pech für uns – auch für türkische Verhältnisse recht kalt.

Ja, ja… das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich weiß, darum genug davon.

Essen

Nie, wirklich nie, haben wir so viel auswärts gegessen wie in der Türkei. Zum einen ist es einfach unglaublich günstig und zum anderen ist es auch noch lecker. Darum blieb die Küche in der Berta öfter kalt und wir haben es genossen, uns bekochen zu lassen. Von Gözleme über Pide, Köfte, BörekIskender und Döner war alles dabei. Bei uns besonders hoch im Kurs, zum Dessert oder zwischendurch: Baklava! Wobei wir da auch festgestellt haben, dass es große Qualitätsunterschiede gibt.

Unser einziges echtes Problem mit der türkischen Küche: Lammfleisch. Ja, ich weiß, was viele jetzt denken: „Ist doch lecker. Du musst nur mal richtig gutes Lammfleisch essen.“. Meine Antwort: „Nein! Habe ich probiert! Ich komme da nicht ran – gar nicht.“. Schon wenn ich es rieche, schnürt sich mir die Kehle zu 🤢. Eine meiner ersten Vokabeln ist daher kuzu (Lamm), mein Standardsatz bei jeder Essensbestellung wird „Kuzu yok!“ (heißt so viel wie „KEIN LAMM!“). Nicht immer von Erfolg gekrönt – mehr als einmal wird mir unmissverständlich versichert, dass es sich um Rindfleisch handelt und nicht um Lamm und doch kriege ich keinen Bissen runter, weil es eindeutig Lamm ist oder zumindest Lamm mit drin ist. Ich bekomme dann aber auch immer anstandslos Ersatz – bevorzugt tavuk (Hühnchen, da kann nix schiefgehen 😉) – ohne Aufpreis.

Wenn wir dann doch mal kochen, dann viel frisches Gemüse vom Markt. Die Märkte sind ein Erlebnis für sich. Hier gibt es wirklich alles: Obst, Gemüse, Gewürze, Schuhe, Klamotten, Bettwäsche…

Fiete lernt Türkisch

Wer Fiete kennt, weiß, dass er anderen Hunden gegenüber – vor allem großen Hunden – nicht wirklich aufgeschlossen ist. In der Türkei gibt es sehr viele Straßenhunde, und zwar vor allem große. Es hat etwas gedauert, aber langsam ist der Knoten geplatzt. Mittlerweile tobt und spielt er auch mit den größten Exemplaren. In Städten ist er sogar regelrecht gelassen, wenn die anderen Hunde um ihn rumlaufen. Ein echter Fortschritt!

Unsere Erfahrung mit diesen Hunden ist durchweg positiv: Alle sind eher devot und Menschen gegenüber oft ängstlich. Wir haben nicht einen aggressiven Straßenhund gesehen, auch die vermeintlichen „Kampfhunde“ wie Kangal oder Akbaş haben total rücksichtsvoll mit Fiete gespielt. Wenn es ginge, hätten wir gerne ein paar mitgenommen – aber Fiete ist ganz froh, dass er „Einzelkind“ bleibt 😄.

Bertas Upgrade

Gleich in Istanbul ist erstmal wieder eine Inspektion fällig. Dafür fahren wir in eine Art Industriegebiet, indem nur Autowerkstätten sind. Dabei gibt es eigene Werkstätten für alles: Ein Laden macht nur Inspektionen, einer nur Bremsen, einer nur Federn usw. Ein echtes Erlebnis – und unschlagbare Preise! Solche Industriegebiete gibt es jeder größeren Stadt.

Die Bremsen kann die Werkstatt in Istanbul leider nicht nachsehen, es fehlt Spezialwerkzeug. Wir erinnern uns an Beiträge von Whatabus, dass die in Fethiye beim Bremsenspezialist Serkan waren und den sehr empfehlen können. Also lassen wir uns von Marc und Selena die Adresse geben, warten mit den Bremsen bis wir in Fethiye sind und lassen diese dort vom unglaublich netten und kompetenten Serkan überholen. Ja, richtig gelesen, die Bremsen wurden nicht getauscht, sondern mit einer speziellen Maschine ‚abgeschliffen‘ (Fachleute entschuldigen bitte die laienhafte Audrucksweise 😉). Serkan erklärt uns sehr ausführlich diese türkische Mentalität des Reparierens und ist sehr stolz darauf – zu Recht wie wir finden. Wir werden in den drei Monaten noch häufiger damit in Berührung kommen und sind immer wieder fasziniert.
Bei der ‚Bremsen-Reparatur‘ wird festgestellt, dass die Spur so stark verstellt ist, dass einer der Vorderreifen sehr ungleichmäßig abgefahren ist. Also kriegt Berta für vorne 2 neue „Schühchen“ – etwas ärgerlich, dass die alten nur 8 Monate drauf waren. Aber nützt ja nichts 🤷🏻‍♀️.

Mehr Sorgen bereitet uns ein paar Wochen später, dass die Wasserpumpe läuft, obwohl kein Wasser entnommen wird. Wer ein Wohnmobil mit Druckpumpe hat, weiß, dass das kein gutes Zeichen ist! Wir haben ein Leck 😱. Es dauert ein bisschen bis wir die undichte Stelle ausmachen können. Aber dann ist klar, dass es die „Warmwasserverteilung“ zur Dusche sein muss, die ausgerechnet unter der Dusche ist. Mit anderen Worten: Die Duschwanne muss raus. Da die Plastikwanne mit Teppichklebeband festgeklebt ist, wird das schwieriger als gedacht und die Duschwanne bliebt dabei „natürlich“ nicht heile. Klar auch, dass die Duschwanne kein Standardmaß hat, das man mal eben nachkaufen kann. Unser Glück ist, dass wir in der Türkei sind und Hilfe von Sebastian (ein anderer Sebastian) und seiner Frau Çiğdem haben. So kommt es, dass wir eine maßgefertigte Duschwanne aus Eddelstahl bekommen – innerhalb von zwei Tagen und für einen Betrag, der einem deutschen Metallbauer die Tränen in die Augen treibt. Da wir nun eh schon an der Dusche dran sind, kommt auch die Blümchentapete weg und die Dusche wird neu mit PVC ausgekleidet. Das war viel Arbeit, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen, wie wir finden.

So kleinere Reparaturen fallen ja irgendwie immer an: Der Abfluss vom Waschbecken im Bad läuft nach 30 Jahren (und davon 8 Monate Dauernutzung) auch nicht mehr so ab wie er soll.  Wie Sebastian ganz richtig sagte „Man hat halt ein ganzes Haus dabei – irgendwas ist da immer.“ Sowas schockt uns mittlerweile nicht mehr 😊.

Sightseeing

Wir müssen euch enttäuschen. Da wir sooo viel gesehen haben, würde das jetzt hier wirklich den Rahmen sprengen. Zu dem Thema wird es also einen extra Beitrag geben.

Und? Würdet ihr wieder hinfahren?

Wir sind begeistert von der Türkei und haben die Zeit dort in vollen Zügen genossen. Allen, die zögern (so wie wir vor 3 Monaten), sagen wir „Fahrt hin!“. Nicht nur weil es günstig ist (über 83 Cent für den Liter Diesel freut sich jeder 🤑), sondern auch weil man mit offenen Armen empfangen wird! Unsere schönen Erinnerungen an die Zeit in der Türkei sind vor allem durch die Kontakte zu aufgeschlossenen, wahnsinnig freundlichen Menschen geprägt.

Teşekkür – Dankeschön – Türkei!

 

 

 

Comments (2)

  • Heidi

    3. Februar 2019 at 12:35

    Danke für den schönen Türkei Bericht. Habe schon sehnsüchtig gewartet. Nun mal sehen, was Euch Griechenland so bietet. Wir waren ja noch nicht dort und sind deshalb besondere gespannt. Habt weiter eine schöne Zeit.
    LG aus Teetz

    1. Anja

      4. Februar 2019 at 12:33

      Ja, wir sind auch gespannt, was Griechenland zu bieten hat.

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